Erinnern an die Opfer der Euthanasie

Das Gedenkjahr endet im Haus der katholischen Kirche. Von Michael Schoberth

Sie hießen Babette, Wilhelm, Frieda, Karl, Otto oder Gertrud, sie waren zwischen 16 und 66 Jahren alt und kamen aus ganz Württemberg. Was sie gemeinsam hatten, war ihr Schicksal: Sie sind sechs von insgesamt 20 Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung gewesen, die am 13. Dezember 1940 in einem letzten Transport von den Nationalsozialisten in die sogenannte Landespflegeanstalt Grafeneck deportiert und dort vergast wurden. Die Initiative Spurensicherung hat gestern im Haus der katholischen Kirche an diese Menschen erinnert und damit das Gedenkjahr für die Opfer der NS-Euthanasieprogramme abgeschlossen. Spurensicherung ist ein Projekt der Stuttgarter Initiativen Stolpersteine, den Anstiftern und mehreren ehrenamtlich engagierten Bürgern. Die Schirmherrschaft haben das Bohnen-Café vom Caritasverband und der heilpädagogische Kindergarten der Karl-Schubert-Schule übernommen.

Grafeneck sei „ein Ort des Todes, ein Ort der Scham, ein Ort der Massenvernichtung", sagten die Sprecher der szenischen Lesung, mit der an die Euthanasieopfer gedacht wurde. Im Mittelpunkt der gestrigen Veranstaltung standen keine Reden, sondern Kunst: Darsteller mit und ohne Behinderung brachten Musik, Tanz, Pantomime und Gesang auf die Bühne. So verlieh der am Down-Syndrom erkrankte Jan Weller seinen Gefühlen mit einer Tanzperformance ebenso Ausdruck wie das Blockflöten-Ensemble der Karl-Schubert-Werkstätten und die Musikgruppe der Anne-Frank-Realschule, die John Lennons „Imagine" und „How many roads" von Bob Dylan interpretierten.

Von Januar bis Dezember 1940 ermordeten die Nationalsozialisten in dem Heim bei Grafeneck auf der Schwäbischen Alb, das die Diakonie bis 1939 als Behindertenheim betrieb, 10 654 kranke oder behinderte Menschen. Die Zahl aller Opfer der Euthanasieprogramme wird mit 200 000 Menschen angegeben. Ärzte stellten wissentlich falsche Dokumente aus, um die Todesursache geheim zu halten. Mit dem Gedenktag, so die Veranstalter, solle an die Schuld und nicht erbrachte Verantwortung der damals beteiligten Ärzte, Betreuer und Verwaltungsämter erinnert werden. Auch Kirchen und ihre Institutionen hätten geschwiegen und weggesehen.

In fast allen Gemeinden, aus denen die letzten 20 Opfer stammten, fanden am Wochenende ähnliche Veranstaltungen statt. Zum Auftakt des Gedenkjahres war bereits im Oktober 2009 eine Spur der Erinnerung verlegt worden, eine farbige Linie, die von Grafeneck bis vor das Innenministerium in Stuttgart reichte. Im Laufe der vergangenen Monate hat der Kölner Künstler Gunter Demnig dann mehrere Stolpersteine für die Euthanasieopfer der Nationalsozialisten in Stuttgart verlegt.

 

Artikel aus der STUTTGARTER ZEITUNG STADTAUSGABE (Nr. 288) vom Montag, dem 13. Dezember 2010, Seite Nr. 23

„SPURENSICHERUNG“

Mehr als 70.000 Menschen mit Behinderung wurden 1940/41 von den Nationalsozialisten in eigens eingerichteten Tötungsanstalten ermordet. Im Herbst 1939 wurde das Behindertenheim Schloss Grafeneck bei Münsingen auf der Schwäbischen Alb zu diesem Zweck beschlagnahmt. Die Mordaktion begann dort im Januar 1940. In ihrem Verlauf wurden bis Jahresende 10.654 Menschen mit Behinderungen und seelischen Erkrankungen ermordet.

Am 13. Dezember 1940 fand in Grafeneck die letzte Vergasung statt. 20 Menschen wurden an diesem Tag von der diakonischen Einrichtung Mariaberg nach Grafeneck deportiert.

Daran wollen wir - 70 Jahre danach - am 12. Dezember 2010 erinnern.

In allen Herkunftsgemeinden der 20 „Euthanasie“-Opfer des 13.12.1940 sollen am Sonntag, dem 12.12.2010 „Erinnerungsveranstaltungen“ stattfinden. Darüber hinaus sollen im Vor- oder Nachfeld Begleitveranstaltungen zum Themenkomplex NS-„Euthanasie“ organisiert werden. 

Am Montag, dem 13. Dezember 2010 sollen zur Erinnerung an das Verbrechen und seine Opfer die Glocken aller Kirchen entlang der Verbindungslinien zwischen den Herkunftsorten und dem Ort Grafeneck auf der Schwäbischen Alb zeitgleich läuten und eine klingende Glockenspur der Erinnerung ertönen lassen.

 
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