Das Grauen kam mit einem grauen Bus

Von "Strohgäu Extra", aktualisiert am 13.12.2010 um 00:00Hemmingen Die Kirchen erinnern heute an die letzten in Grafeneck von den Nazis Getöteten. Eine Frau kam aus dem Ort. Von Daniel Völpel

Es war das erste Massenvernichtungslager der Nazis: Das ehemalige Jagdschloss und Behindertenheim Grafeneck auf der Schwäbischen Alb. Am 13. Dezember 1940 - heute vor 70 Jahren - wurden dort die letzten 20 Behinderten und psychisch Kranken vergast, nachdem sie in grauen Bussen aus ihren Heimen dorthin gebracht worden waren. Unter ihnen war die damals 30-jährige Hemmingerin Julie Feucht. An die zehn Ermordeten, die sich namentlich feststellen ließen, wird heute Abend in ihren Geburtsorten erinnert, so auch in Kleinsachsenheim. In Hemmingen gibt es um 19 Uhr eine Andacht.

Die Informationen über die junge Frau aus Hemmingen sind spärlich. "Damals wurden Behinderte versteckt", vermutet die Hemminger Bibliotheksleiterin Agnes Herrmann als eine Ursache. Sie organisiert die Gedenkveranstaltung gemeinsam mit den Kirchengemeinden. Auch der evangelische Pfarrer Gunther Seibold hat in den Kirchenbüchern nur wenige Hinweise entdeckt. Danach wurde Julie Feucht am 26. Juli 1910 getauft. Ihr erster Vorname ist unklar. Zwei Geschwister starben 1910 und 1916. Lebende Verwandte gebe es in Hemmingen nicht mehr, so Herrmann. Nach Grafeneck kam Julie Feucht von Mariaberg aus. Wie lange sie in Hemmingen gelebt hatte, lässt sich auch nicht mehr nachvollziehen, ebenso wenig, ob sie behindert oder psychisch krank war. Beides betrachteten die Nazis als "lebensunwert".

Frida Hartmann aus Kleinsachsenheim wurde 24 Jahre alt. Zu ihrem Gedenken wird die Euthanasie- und Bioethikexpertin Rosemarie Muth heute dort einen Vortag halten. Sie will auch die Frage aufwerfen, ob ähnliches wieder möglich wäre. Das Programm "Euthanasie" war für das Regime in Grafeneck nach 10 654 Morden am 13. Dezember 1940 abgeschlossen. Euthanasie stammt aus dem Griechischen und bedeutet schöner Tod. Die Gaskammer von Grafeneck gilt als der Testlauf für den industriellen Massenmord in den Vernichtungslagern. Seit 1990 erinnert die Gedenkstätte an die Gaskammer von Grafeneck. Ein Gedenkbuch listet die Namen von 8000 Opfern des Massenmordes auf. "Wenigstens ein Teil der Opfer wurde hiermit der Anonymität entrissen", betont der Trägerverein.

In Hemmingen zierten sich die Organisatoren, Julie Feucht bei ihrem vollen Namen zu nennen. Doch von nun an soll die Ermordete nicht mehr vergessen werden: Der Bürgermeister Thomas Schäfer kündigte in dieser Woche an, dass für Julie Feucht im kommenden Jahr ein Stolperstein gesetzt werden soll. Dieser Pflasterstein mit ihrem Namen wird vor ihrem Wohnhaus in der Eisgasse an diese Opfer der Nazibarbarei erinnern.

Vortrag Die ökumenische Andacht "Spurensicherung" in Hemmingen beginnt um 19 Uhr in der Laurentiuskirche. In Kleinsachsenheim gibt es um 19.30 Uhr im evangelischen Gemeindehaus den Vortrag "Als die grauen Busse kamen - wenn Leben zur Disposition steht".

 

Quelle: http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.das-grauen-kam-mit-einem-grauen-bus.0ce6918c-e755-4b61-b37c-9a201e43a3d3.html

 

 
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